500+ Coachings
traumasensibel & körperorientiert
Eine Frau hält in einer sonnigen Wiese einen Spiegel, in dem ihr lächelndes Gesicht zu sehen ist

An sich arbeiten: Wenn Entwicklung zum Überlebensmuster wird

  • Simon Karim
  • 7 Min. Lesezeit

Der Wunsch nach persönlicher Veränderung kann selbst zur Fortsetzung eines frühen Schutzmusters werden — dann, wenn er aus derselben Dynamik gespeist wird, die einst half, schwierige Situationen zu überstehen: dem Versuch, sich durch Anpassung, Höchstleistung oder Kontrolle Sicherheit zu verschaffen. In NARM wird das als Wiederholung des alten Beziehungsmusters mit sich selbst beschrieben. Anzeichen sind Entwicklung als Pflicht, Schuldgefühle beim Innehalten und der Verlust des Kontakts zu eigenen Bedürfnissen.

Vielleicht kennst du das: Du arbeitest intensiv an dir, liest Fachbücher, meditierst, reflektierst, nimmst an Coachings oder Seminaren teil — und trotzdem bleibt ein grundlegendes Gefühl im Inneren unverändert. Du bemerkst, dass sich gedanklich etwas bewegt, doch gleichzeitig entsteht neuer Druck: Ich müsste eigentlich schon viel weiter sein.

Dieser Druck kann subtil sein oder sich als innere Überforderung, quälende Selbstzweifel oder Scham bemerkbar machen. Aus der Perspektive von NARM ist das kein Zeichen von persönlichem Versagen, sondern ein Hinweis darauf, dass sich vertraute Überlebensmuster nun im Gewand von persönlicher Weiterentwicklung fortsetzen.

Wie Veränderung zum Überlebensmuster werden kann

Veränderung wird dann zur Fortführung früherer Schutzmechanismen, wenn sie aus exakt derselben Dynamik gespeist wird, die einst geholfen hat, herausfordernde Situationen zu überstehen: dem Versuch, sich durch ständige Anpassung, Höchstleistung oder übermäßige Kontrolle Sicherheit zu verschaffen.

In NARM sprechen wir hierbei von der Wiederholung des alten Beziehungsmusters mit uns selbst. Das vegetative Nervensystem verharrt dabei in einer dauerhaften Anstrengung — selbst dann, wenn es vordergründig um Regeneration, Selbsterfahrung oder das Lösen alter Muster geht. Wie NARM grundsätzlich arbeitet, beschreibt der Artikel zur NARM Begleitung.

Anzeichen dafür sind beispielsweise:

  1. Du erlebst persönliche Entwicklung als unausweichliche Pflicht.
  2. Du empfindest Schuldgefühle, sobald du zu wenig tust oder innehältst.
  3. Du verlierst den Kontakt zu deinen eigentlichen Bedürfnissen, während du versuchst, dich richtig zu entwickeln.

Wenn innere Veränderung auf Selbstabwertung statt auf authentischem Selbstkontakt gründet, bleibt sie an der Oberfläche. Sie verfestigt das alte Kontrollmuster, anstatt es zu wandeln.

Die paradoxe Wirkung rein verhaltensorientierter Ansätze

Verhaltensorientiertes Coaching kann leicht in eine Dynamik geraten, die unbewusst vermittelt: Du musst dich verändern, um wertvoll und richtig zu sein. So, wie du im Moment bist, genügst du noch nicht.

Doch genau diese Botschaften bilden häufig den Kern früher Anpassungsmuster bei bindungs- und entwicklungsbezogenen Erfahrungen. Wenn ein Begleitungsformat diese tief sitzenden Überzeugungen nicht behutsam reflektiert, sondern durch Leistungsziele noch verstärkt, verengt sich der Raum für echte Selbstannahme — und der Wunsch nach Veränderung wird zur Fortsetzung früherer Überlebensstrategien.

Veränderung führt dann nicht zu innerer Entlastung, sondern zu einer weiteren Schleife von Erwartungsdruck.

Das ist kein Argument gegen zielorientierte Arbeit. Es ist ein Argument dafür, zu prüfen, aus welcher inneren Haltung heraus ein Ziel verfolgt wird. Wo dieser Unterschied methodisch liegt, beschreibt der Artikel zu NARM oder Coaching.

Eine Frau lehnt erschöpft im Sessel, ein aufgeschlagenes Buch über dem Gesicht, umgeben von Bücherstapeln

Wie NARM Veränderung anders versteht

Im NeuroAffective Relational Model ist Entwicklung kein Leistungsziel, sondern ein kontinuierlicher Prozess des Wieder-in-Kontakt-Kommens. Wir jagen keinen festen Optimierungszielen hinterher, sondern erforschen achtsam die Beziehung zu dem, was im gegenwärtigen Moment in dir lebendig ist.

Das Nervensystem darf die beruhigende Erfahrung machen, dass Kontakt und Präsenz sicher sein können — auch mit Gefühlen, die zunächst fordernd oder ungewohnt erscheinen. So entsteht nachhaltiger Wandel nicht aus Leistungsdruck, sondern aus bewusster Gegenwart.

In der praktischen Arbeit bedeutet das: weniger forciertes Tun, mehr feines Wahrnehmen. Weniger rein kognitive Analyse, mehr achtsame Beziehung. Weniger Fokus auf das richtige Funktionieren, mehr Raum für echtes Erleben.

NARM unterstützt dich dabei zu unterscheiden, ob dein Streben nach Weiterentwicklung aus echter Verbundenheit oder aus einer alten Schutzstrategie heraus entsteht.

Ein Beispiel aus der Praxis

Eine Klientin formulierte es treffend: „Ich dachte immer, ich müsste endlich loslassen, mental stärker werden, noch disziplinierter meditieren. Aber es fühlte sich bei jedem Versuch so an, als würde ich innerlich gegen mich selbst ankämpfen.“

Im gemeinsamen Prozess konnte sie spüren, dass dieser unbarmherzige Entwicklungsdruck einem frühen Muster entsprang — dem kindlichen Versuch, sich Anerkennung und emotionale Sicherheit durch ständige Leistung zu sichern.

Als sie begann, diese Dynamik bewusst wahrzunehmen, ohne sie sofort korrigieren zu müssen, eröffnete sich ein neuer Raum: ein Gefühl von Selbstannahme und Mitgefühl. Und aus dieser Verbindung heraus entstand allmählich echte Beweglichkeit, ganz ohne inneren Zwang.

Woran du erkennen kannst, ob deine Entwicklung stimmig ist

Drei Fragen, die sich im Alltag prüfen lassen:

  1. Nimmst du innerlich Weite wahr oder eher Enge und Druck? Authentische Entwicklung fühlt sich geerdet und verbunden an, nicht gehetzt.
  2. Verlierst du den Kontakt zu deinem Körper, wenn du dich besonders bemühst? Falls ja, entspringt der aktuelle Veränderungswunsch vermutlich einem erlernten Schutzreflex.
  3. Gelingt es dir, einfach innezuhalten, ohne dich dafür zu verurteilen? Entwicklung, die auf echter Selbstverbindung beruht, benötigt keine Eile.

Häufig ist das achtsame Innehalten selbst bereits der bedeutsamste Schritt.

— Eine kleine Einladung —

Wenn du möchtest, mach hier einmal nichts.

Also wirklich nichts. Lies diesen Absatz, und dann leg das Handy oder den Laptop für dreißig Sekunden weg und bleib einfach sitzen.

Und bemerke dann, was passiert. Kommt ein Impuls, etwas zu tun? Taucht ein Gedanke auf, dass das Zeitverschwendung ist? Oder wird es ruhiger?

Falls Unruhe kommt: Das ist keine Störung. Das ist die interessanteste Information in diesem ganzen Artikel.

Was passiert, wenn der Druck nachlässt

Häufig entsteht im ersten Moment eine ungewohnte Leere oder Verunsicherung. Das ist nachvollziehbar: Wenn ein Mensch jahrzehntelang über Anstrengung Sicherheit hergestellt hat, fehlt beim Weglassen zunächst etwas.

Kurz darauf folgt jedoch oft eine spürbare Entlastung. Sobald das Nervensystem erfährt, dass Sicherheit nicht durch ständige Selbstoptimierung verdient werden muss, kann echte Selbstregulation greifen.

Warum sich das Nervensystem gegen diesen Schritt zunächst sperrt, vertieft der Artikel zum inneren Widerstand.

Eine Frau liegt mit geschlossenen Augen entspannt im hohen Gras

Häufige Fragen

Woran erkenne ich, dass mein Streben nach Veränderung ein Schutzmuster ist?

Wenn du dich während deiner Entwicklungsarbeit zunehmend angespannter, erschöpfter oder getriebener fühlst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du unbewusst vertraute Dynamiken von Leistungs- und Kontrolldruck wiederholst.

Wie unterscheidet NARM zwischen authentischem Wachstum und reiner Anpassung?

NARM fokussiert nicht primär auf äußeres Verhalten, sondern auf die zugrunde liegende innere Haltung. Veränderung, die aus echter Verbindung entsteht, fühlt sich ruhig, verkörpert und präsent an — nicht wie eine abzuarbeitende Pflicht.

Was geschieht, wenn ich aufhöre, permanent an mir zu arbeiten?

Häufig entsteht im ersten Moment eine ungewohnte Leere oder Verunsicherung, kurz darauf jedoch eine spürbare Entlastung. Sobald das Nervensystem erfährt, dass Sicherheit nicht durch Selbstoptimierung verdient werden muss, kann echte Selbstregulation greifen.

Heißt das, ich soll aufhören, mich zu entwickeln?

Nein. Es geht nicht darum, den Wunsch nach Veränderung abzulegen, sondern darum, seine Quelle zu erkennen. Entwicklung aus Neugier und echtem Interesse an sich selbst fühlt sich anders an als Entwicklung aus dem Gefühl, so nicht genügen zu dürfen. Beides kann zu denselben Handlungen führen — mit völlig unterschiedlicher Wirkung.

Ist Meditation dann kontraproduktiv?

Nicht die Praxis ist das Thema, sondern die Haltung darin. Meditation aus Neugier wirkt anders als Meditation als Pflichtprogramm, bei dem man sich für jeden abgeschweiften Gedanken verurteilt. Manche Menschen erleben eine erhebliche Veränderung, wenn sie dieselbe Praxis beibehalten und nur die innere Bewertung dazu loslassen.

Wie kann ich damit in Berlin oder online arbeiten?

Im Einzelsetting in Berlin oder per Video erforschst du in einem geschützten Rahmen, welche unbewussten Schutzhaltungen dich steuern — und wie es ist, achtsam mit dir in Kontakt zu bleiben, wo du dich bisher in alten Mustern verloren hast. Mehr dazu im Artikel zum traumasensiblen Coaching in Berlin.

Wenn du dich hier erkennst

Ich unterstütze Menschen dabei zu erkennen, dass nachhaltige Entwicklung nicht durch noch mehr Anstrengung geschieht, sondern durch einen wertschätzenderen Kontakt zu sich selbst. In diesem Rahmen darf sich Wachstum entfalten, ohne starre Ziele und ohne Selbstoptimierung.

Ein unverbindliches, kostenfreies Klarheitsgespräch ist ein guter erster Schritt: 45 Minuten, in denen wir gemeinsam schauen, worum es bei dir geht — und bei dem du ausdrücklich nichts leisten musst.

→ Klarheitsgespräch anfragen

Herzliche Grüße,
Simon

Literatur

Heller, L. & LaPierre, A. (2012). Healing Developmental Trauma. North Atlantic Books. [Dt.: Entwicklungstrauma heilen. Kösel, 2013.]

Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory. Norton.

Siegel, D. J. (1999). The Developing Mind. Guilford Press.

Simon Karim in seiner Praxis

Ich bin Simon Karim, traumasensibler Coach, Autor und Vater, und begleite Menschen in meiner Praxis für Psychotherapie nach HPG dabei, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen, das eigene Nervensystem besser zu verstehen und alte Schutz- und Bewältigungsstrategien zu lösen, die einmal sinnvoll waren und heute oft im Weg stehen.

Dabei geht es um Bindung und Beziehung, z.B. in Elternschaft, in einer Paarbeziehung, zu Mitmenschen
und vor allem zu dir selbst. Genauso spielen diese alten Strategien eine wesentliche Rolle, wenn es um Burnout, dauerhafte Überforderung, Selbstzweifel, einen instabilen Selbstwert oder um Wut geht.

In meinen Coachings, erforschen wir das, was dich davon abhält, so zu leben, wie du es dir eigentlich wünschst.

Als Eltern-Coach biete ich traumasensibles Elterncoaching für Mütter und Väter an, die im Familienalltag merken, dass eigene alte Muster plötzlich sehr lebendig werden, und die ihren Kindern etwas anderes mitgeben möchten, als sie selbst erfahren haben: Mehr zum Elterncoaching

Mehr zu meiner Vita und Vision findest du hier: Wer ist Simon Karim?

Wenn du dich für tiefere Trauma-Arbeit interessierst: Ich arbeite als zertifizierter NARM-Therapeut,
einem neuroaffektiven Ansatz von Laurence Heller, der für viele Menschen ein Hauptbaustein ist,
um alte Bindungsdynamiken zu verändern.

Mehr dazu findest du auf meiner Seite zur NARM-Therapie.

Wunsch nach Impulsen?

Registriere dich jetzt für den Newsletter
und erhalte inspirierende Impulse für
deinen persönlichen Weg mit deinem Thema.

🫶 Kein Quatsch oder Spam. 🫶

Simon Karim sitzt nachdenklich in seiner Praxis

Dir gefällt der Artikel oder du kennst jemanden,
dem dieser Text weiterhelfen könnte?
Dann teile ihn gerne – vielen Dank ♥

an sich arbeiten, selbstoptimierung, veränderungsdruck, überlebensstrategien, narm

Leseempfehlungen


👉 Zurück zur Übersicht und zu allen Artikeln


22 Tipps für starke & gesunde Grenzen

Trag unten deinen Namen und deine E-Mail Adresse ein und ich sende dir meine
22 Tipps für starke und gesunde Grenzen, entspannt und kostenlos.