selbstzweifel & people pleasing
Verantwortung übernehmen
Wie dein inneres Kind wirklich aufwächst
Verantwortung im psychologischen Sinne bezeichnet die Fähigkeit, das eigene Erleben, die eigenen Reaktionen und die eigenen Bedürfnisse als zu sich gehörig anzuerkennen – ohne die Verursachung der Wunden zu leugnen. Es geht nicht darum, sich für alles verantwortlich zu fühlen, was einem passiert ist. Es geht darum, zu verstehen, was man heute damit macht. In der Innere-Kind-Arbeit ist das der Moment, in dem der innere Erwachsene beginnt, Führung zu übernehmen – statt das verletzte Kind allein zu lassen.
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Das Wort Verantwortung hat in der deutschen Sprache etwas Schweres. Es klingt nach Pflicht, nach Schuld, nach dem langen Schatten von allem, was man hätte besser machen sollen. Und so wird es auch oft verstanden – als Forderung, als Vorwurf, als Messlatte.
Dabei ist Verantwortung in dem Sinne, den ich hier meine, etwas ganz anderes: Es ist ein Geschenk. Es ist die Entscheidung zu sagen: Ich bin der Autor meines inneren Lebens. Was mir passiert ist, war nicht meine Schuld. Was ich heute damit mache, liegt bei mir.
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Der Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung
Bevor wir weitergehen, möchte ich diesen Unterschied klar benennen, weil er fundamental ist und weil er im Alltag oft verwischt wird.
Schuld schaut zurück. Sie fragt: Wer hat das verursacht? Wer hat etwas falsch gemacht? Schuld ist eine moralische Kategorie, die mit Verurteilung und Strafe verbunden ist. Schuld ist auch – ganz wichtig – oft eine Reaktion auf Ohnmacht. Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, nehmen oft Schuld auf sich, weil es erträglicher ist zu denken: Ich bin falsch, als: Die Welt ist unsicher und ich kann mich nicht darauf verlassen, sicher zu sein. Das Erstere gibt zumindest die Illusion von Kontrolle.
Verantwortung hingegen schaut in die Gegenwart. Sie fragt: Was mache ich mit dem, was ist? Was liegt in meiner Macht? Was möchte ich wählen? Verantwortung ist keine moralische Kategorie – sie ist eine Fähigkeit. Und wie alle Fähigkeiten kann sie entwickelt werden, auch wenn sie in der Kindheit nicht ausreichend gelehrt wurde.
Das ist eine wichtige Unterscheidung, weil viele Menschen, die mit Themen rund um Kindheitserfahrungen und Entwicklungstrauma arbeiten, an einem bestimmten Punkt stecken bleiben: zwischen dem berechtigten Verständnis, dass bestimmte Muster nicht ihre Schuld sind – und der genauso wichtigen Fähigkeit, diese Muster trotzdem als eigene Verantwortung zu verstehen. Beides ist wahr. Gleichzeitig.
Wenn das innere Kind regiert
In der Innere-Kind-Arbeit sprechen wir von dem inneren Kind als dem Anteil in uns, der die frühen Erfahrungen trägt – die Wunden, die Überzeugungen, die unerfüllten Bedürfnisse. Dieser Anteil ist nicht metaphorisch – er ist eine psychologische Realität, die sich in konkreten Verhaltensweisen und Reaktionen zeigt.
Wenn das innere Kind regiert, bedeutet das: Eine Reaktion, die gerade aktiv ist, kommt nicht aus dem erwachsenen, ressourcenvollen Teil von uns, sondern aus einer früheren, jüngeren Version. Die Person, die beim kleinsten Zeichen von Ablehnung sofort glaubt, nicht liebenswert zu sein, ist nicht irrational – sie reagiert aus dem inneren Kind heraus, das als kleines Kind gelernt hat: Ablehnung bedeutet Gefahr.
Das zeigt sich auf viele Weisen: Im Erwachsenenalter anderen die Schuld geben für das eigene Gefühl (Er hat mich so gemacht). Im Warten darauf, dass jemand anderes die Bedürfnisse erfüllt, die das Kind einmal hatte. Im Wiederholen von Beziehungsmustern, in denen man wieder und wieder auf eine andere Reaktion hofft und immer wieder enttäuscht wird. Im Rückzug, in Passivität, im Funktionieren ohne wirklichen Kontakt zu sich selbst.
Das innere Kind leidet. Es braucht Fürsorge. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – es kann sie nicht bei sich selbst finden, solange nicht ein innerer Erwachsener da ist, der die Führung übernimmt.
— Wenn du möchtest, nimm dir einen Moment. Denke an eine Situation, in der du dich zuletzt sehr reaktiv, sehr klein oder sehr verletzt gefühlt hast. Frage dich: Wie alt hat sich das angefühlt? Gibt es da ein jüngeres Bild von dir, das in dieser Situation auftaucht? Du musst das nicht analysieren. Nur wahrnehmen, was kommt. —
Was es bedeutet, inneren Erwachsenen zu sein
Der innere Erwachsene ist nicht derjenige, der nie fühlt oder nie verletzt ist. Er ist derjenige, der Gefühle hat und trotzdem handlungsfähig bleibt. Der Schmerz anerkennen kann, ohne von ihm überwältigt zu werden. Der Bedürfnisse wahrnehmen kann, ohne sie sofort zu handeln oder zu unterdrücken.
In meiner Begleitungsarbeit beobachte ich, dass der innere Erwachsene bei vielen Menschen weniger entwickelt ist als erwartet – nicht weil die Menschen unintelligent oder unreif wären, sondern weil niemand ihnen gezeigt hat, wie das aussieht. Wenn die Bezugspersonen in der Kindheit selbst aus ihrem inneren Kind heraus gehandelt haben – wenn das Zuhause von Unberechenbarkeit, Angst oder emotionaler Überwältigung geprägt war – dann hatte das Kind keinen Erwachsenen, an dem es lernen konnte, wie man mit schwierigen Gefühlen umgeht, ohne wegzulaufen oder zu kollabieren.
Den inneren Erwachsenen zu stärken bedeutet deshalb, eine Kapazität nachzutrainieren, die damals nicht ausreichend entwickelt werden konnte. Das geschieht nicht durch Willenskraft und nicht durch Selbstdisziplin. Es geschieht durch Sicherheitserfahrungen, durch regulierende Beziehungen, durch wiederholte Momente, in denen das System lernen kann: Ich kann das fühlen und muss trotzdem nicht davonlaufen.
Verantwortung als Akt der Selbstliebe
Es gibt eine Art, Verantwortung zu übernehmen, die sich anfühlt wie Selbstbestrafung: Ich hätte das besser wissen müssen. Ich hätte das nicht zulassen dürfen. Ich bin schuld, dass ich immer noch so bin. Das ist keine Verantwortung – das ist der innere Kritiker, der das Konzept der Verantwortung als Waffe benutzt.
Echte Verantwortung fühlt sich anders an. Sie fühlt sich eher an wie Würde. Wie eine ruhige Klarheit: Das gehört zu mir. Das ist mein Erleben. Was will ich damit machen? Es ist die Fähigkeit zu sagen: Ich kann mich nicht dafür bestrafend, was damals passiert ist. Aber ich kann dafür sorgen, dass die Wunden, die entstanden sind, heute nicht mehr mein ganzes Leben steuern.
In diesem Sinne ist Verantwortung übernehmen ein Akt der Fürsorge für das innere Kind. Es bedeutet, die Elternrolle zu sich selbst zu übernehmen – nicht indem man sich geißelt, sondern indem man sagt: Ich sehe dich. Ich höre dich. Ich lasse dich nicht länger allein. Und ich nehme jetzt das Steuer – nicht um dich zu kontrollieren, sondern um für uns beide zu sorgen.
Häufige Fragen (FAQ)
F: Bedeutet Verantwortung übernehmen, dass ich anderen vergeben muss?
Nein. Verantwortung für das eigene Innenleben zu übernehmen hat nichts mit Vergeben zu tun – das sind zwei verschiedene Prozesse. Vergeben kann als Befreiung erlebt werden, wenn es wirklich reif ist und nicht erzwungen. Aber es ist keine Bedingung für das Arbeiten an sich selbst. Man kann Verantwortung für die eigenen Muster und Reaktionen übernehmen, ohne das Handeln anderer gutzuheißen.
F: Was ist, wenn ich gerade noch nicht die Kraft habe, Verantwortung zu übernehmen?
Das ist eine ehrliche und wichtige Frage. Verantwortung im tieferen Sinne setzt eine gewisse innere Stabilität voraus – eine Grundlage, von der aus man schauen kann. Wenn jemand gerade in einer akuten Krise ist oder wenn das Nervensystem chronisch überlastet ist, ist es manchmal sinnvoller, zuerst Stabilisierung zu priorisieren, bevor man tiefere Muster anschaut. Begleitung kann hier helfen, die Reihenfolge zu finden.
F: Wie unterscheidet sich gesunde Verantwortung von Überverantwortung?
Überverantwortung – also das Gefühl, für alles und jeden verantwortlich zu sein – ist oft selbst ein Überlebensmuster. Es entsteht häufig bei Menschen, die als Kinder gelernt haben, die emotionale Last der Eltern zu tragen. Gesunde Verantwortung hat klare Grenzen: Ich bin verantwortlich für mein Erleben, meine Reaktionen, meine Entscheidungen. Nicht für das Erleben anderer.
F: Kann man Verantwortung übernehmen, ohne sich zu verändern?
Ein interessante Frage. In gewissem Sinne: Ja. Verantwortung bedeutet nicht zwingend, dass man sofort anders wird. Es bedeutet, eine andere Beziehung zu sich selbst zu entwickeln. Manchmal verändert sich durch diese Beziehung dann das Verhalten – nicht durch Druck, sondern weil sich innere Kapazität erweitert hat.
F: Was ist der Zusammenhang zwischen Verantwortung und Bindungsmustern?
Sehr eng. Unsichere Bindungsmuster führen oft dazu, dass wir anderen die Regulation unseres Innenzustands überlassen – wir brauchen Bestätigung von außen, um uns sicher zu fühlen. Verantwortung zu übernehmen bedeutet in diesem Kontext, schrittweise die Fähigkeit zu entwickeln, sich selbst zu regulieren – nicht ohne Beziehung, aber auch nicht vollständig abhängig von ihr.
F: Wie fange ich konkret an?
Ein guter Anfang ist, den eigenen Reaktionen gegenüber neugieriger zu werden. Statt zu sagen: Das hat er mir angetan, einen Moment innezuhalten und zu fragen: Was passiert gerade in mir? Was brauche ich? Das ist nicht immer möglich in der Hitze des Moments – aber es wird mit Übung leichter.
Wenn du dich hier erkennst
Vielleicht hat dich etwas in diesem Artikel berührt – der Gedanke, dass Verantwortung kein Vorwurf ist, sondern eine Möglichkeit. Dass das innere Kind nicht für immer allein bleiben muss. Dass da ein Teil von dir ist, der aufwachsen kann und will.
In meiner Begleitungsarbeit begleite ich Menschen genau an diesem Übergang: von der Kindheitsperspektive in die Erwachsenenperspektive. Nicht als Bruch, sondern als Integration. Das innere Kind bleibt – aber es muss nicht mehr allein für sich sorgen.
Wenn du das Gefühl hast, dass das für dich ein sinnvoller nächster Schritt sein könnte – mein kostenloses Klarheitsgespräch ist dafür ein guter Einstieg. Wir schauen zusammen hin, ohne Druck und ohne Vorannahmen.
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Herzliche Grüße,
Simon
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